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„Alles gelogen“

Diese Art Objekte beschäftigen mich immer wieder. Die ersten sind vor ca 30 Jahren entstanden, damals lediglich als Quelle preiswerter Geburtstagsgeschenke.
Es sind handliche Eisenteile, irgendwo gefunden, manchmal so verrostet, dass ihre ursprüngliche Form und Funktion kaum noch auszumachen sind. Diese Gegenstände, in flachen Schachteln auf Samt präsentiert, durch einen erfundenen Text zu geschichtlicher Bedeutung erhoben, haben im Sommer vergangenen Jahres zu einiger Empörung geführt, als aus Anlass der Finissage einer kleinen Schau dieser Objekten im Museum von Eckernförde einigen Leuten klar wurde, dass die „historischen Raritäten“ Schrott waren und die erklärenden Texte frei erfunden.

Meine Beweggründe, diese Art Kunst ohne Warnung einem ahnungslosen Publikum vorzuführen waren nicht die zu zeigen, wie leicht man auf Lügen hereinfällt. Oder Sie dazu zu bringen, genauer hinzuschauen, da meine pädagogischen Ambitionen eher unterentwickelt sind.

Die Basis meiner künstlerischen Arbeit ist philosophischer Art: Ich zweifle an der Wichtigkeit des Wichtigen und an der Zuverlässigkeit der Realität. Um das sichtbar zu machen, muß ich eine andere Realität schaffen, und um diese wiederum glaubhaft zu machen muß ich behaupten, diese sei wahr. Wahr ist keine: Für einen Spatz oder eine Kreuzspinne ist eine andere Realität wahr als für Sie oder für mich.

Beim Herstellen dieser „anderen Realität“ habe ich versucht, so behutsam zu lügen, daß diese Geschichten genau so gut hätten wahr sein können. Zumindest fast, sonst wäre es langweilig geworden.

Beim Zusammenbasteln des jeweiligen historischen Hintergrundes habe ich ein Geschichtswerk hinzu gezogen, welches auffällig viele historische Kuriositäten erwähnt. Ich bin mir da gar nicht so sicher, ob ich nicht meinerseits auf Unwahrheiten hereingefallen bin. Das würde mich aber in keiner Weise stören, da das, was mich als Geschichte erreicht, nur die Oberfläche unendlich vieler unbekannter Geschichten ist.

Überhaupt: Das was sich ereignet haben könnte auf dem Boden bestimmter Bedingungen ( aber nicht ereignet hat, jedenfalls nicht so, sondern anders ) eröffnet doch erst den Weitblick, da jede Situation, so wie sie ist, stets mehr Wege / Umwege / Auswege / Fluchtwege bereit hält, als der, der dann „wahr“ wird.

„Lügen“ als Aufdecken verborgener Möglichkeiten oder verpasster Chancen. Oder verhinderter Katastrophen.

Eigentlich ist es noch viel komplizierter.

Dazu ein Zitat von Harry Mulisch: Es gibt keine „absolute“ Geschichte. Was es gibt, ist lediglich das Chaos all dessen, was geschehen ist: Das Niederschreiben der Divina Commedia, ein Spatz, der 1564 in Wladiwostock tot aus einem Baum fiel, die Heilige Allianz, die Geburt eines Mädchens mit einer Hasenscharte vor zwölftausend Jahren in Malakka. Die Geschichte ist ein Liniengeflecht, das die Gegenwart dem Wirrwarr der Vergangenheit aufdrückt. Der Wirrwarr bleibt sich immer gleich, er wächst nur noch und hat an sich keinerlei Bedeutung. Wie die Zukunft wandelt sich die Geschichte von Augenblick zu Augenblick. Kämen eines Tages die Hunde an die Macht, dann wäre der sechste Juli ein Feiertag, weil an diesem Tag im Jahre 1226 der Stammrüde der Dynastie auf einem Platz in Chartres geboren wurde.

Zurück zu den eisernen Schrott-Objekten:

Diese Art Kunst hat sogar einen Namen: Camouflage. Sie ist also sogar „salonfähig“!.

Eckernförde, September 2002

 

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„Mondscheibe“, Grabbeilage (Eisen), um 1600 n.Chr.
Fundort: Hochland von Inverness, Schottland
Noch lange nach der Christianisierung des europäischen Nordens hat sich in abgelegenen Gebirgsregionen Schottlands der Glauben gehalten, daß der Ort der Toten der Mond sei. Um den Verstorbenen dort einen angemessenen Platz zu ermöglichen, gab man ihnen als Empfehlung und Orientierungshilfe eine Mondscheibe mit auf den Weg, die in Material und Ausführung ihrem sozialen Status entsprach.
Diese Gaben hatten auch einen eigennützigen Hintergrund: Wer sich nicht zurechtfand dort oben kam möglicherweise als heimatlose Seele zurück und ängstigte die Lebenden.
Museum of Ethnologie, Aberdeen.

Schlauchklemme aus Raqqa, Syrien, ca 80 n.Chr.
Dieses unscheinbare aber seltene Stück beweist, daß es flexible Wasserleitungen bereits in der Antike gegeben hat.
Textile Schläuche wurden mit Geräten hergestellt, die unserer „Strickliesel“ nicht unähnlich waren und anschließend mit einer Mischung aus Pech und Wachs wasserdicht gemacht.
Leihgabe des Museums für Wasser- und Pumptechnik, Aleppo, Syrien.

 

 

 

 

 

 

 

 

Metallelement aus der Geißelkette eines Flagellanten um 1350 n.Chr.
Auffallend ausladende Konstruktion von Widerhaken,
Voralpengebiet, vermutlich Ingolstadt.
Leihgabe des Stadtmuseums Bayreuth.

Medizinische Geräte (Eisen), Oberfranken, um 800 n.Chr.
Aus dem Bestand eines fahrenden Barbiers, u.a. zuständig für Zahnoperationen, Augenheilkunde und Behandlungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich
(Leihgabe eines privaten Sammlers, Zahnarzt in Gelsenkirchen.)

Androgyner Torso – Amulett aus dem Nachlaß eines Schamanen der Jukagiren.
1941 aufgefunden am MITTELLAUF DER Kolyma, Nordostsibirien.
Ursprüngliches Herkunftsland: Mitteleuropa.
Aus dem Privatbesitz eines sowjetischen Funktionärs, Petropawlosk Kamtschatskij

 

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