fognin – inoffizielle biographie

fognin

Zeichnerin Marianne Tralau

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Marianne Tralau zeichnet. Marianne Tralau stellt aus. Marianne Tralau installiert. Sie verweigert die Bezeichnung Künstlerin. Sie betont die Handweberin (mit Staatspreis). Sie behauptet, Proletin zu sein und war Lehrerin (Handarbeit und Mathematik). Ihr Vater war Bauhausschüler, ihr erster Mann Kölner, Katholik und Künstler. Der Zweite ist Journalist, Filmemacher und Quergänger. Nach der Trennung schlossen sie Freundschaft. Kompromiss ist nicht ihr Wort, die Ecke jedoch – die umdiegedachte wie die faktische – ihr Wohlfühlort.

Als Galeristin schrieb sie KAOS auf ihre Fahne (in Grautönen) und versammelte zukünftige Avantgarde. Ihre Projekte erzählen Geschichten, können das Publikum entbehren, sind manchmal gnadenlos und stets einen Schritt weiter als gut tut. Vor reichlich 70 Jahren irgendwo geboren, war sie viel zu lange in Köln und lebt nun voller Freuden in Eckernförde. Sie zeichnet mit der Graphitmine in der geballten Faust und freut sich diebisch, wenn entrüstete Omas ihre Werke mit „das können meine Enkel auch“ kommentieren. Und sie würde auch 120 Jahre weiterarbeiten, wenn es noch einfacher ginge, der Strich noch treffender würde und sie das Schnapsglas weiterhin an die Lippen bekäme. Und sie wundert sich über die vielen Freunde, die weit reisen, um sie zu sehen, über die Anerkennung und die Berufung in Gremien, in denen sie eigentlich nicht sein wollte und nun doch ausgesprochen gerne arbeitet. Denn ursprünglich wollte sie nur ein paar rote Fäden spannen, eine kleine Performance namens Leben und geheime Geschenke hinterlassen, die keiner haben will.

tralauzwerge_leseprobe_kl_seite_29Wenn sie am ersten Sonntag jeden Monats den Namen ihrer Galerie – Frühstücksbühne – zum Programm erhebt und beim Frühmahl zur Kleinkunst animiert, dann treffen Kulturbürger auf Kaotenkünstler, amüsieren und unterhalten sich. Donnerstags mutiert sie von der Asthmatikerin zur Raucherin und agiert als Markenzeichen des Künstler & Kaoten Stammtisches. Ihre roten Fäden werden zu Netzen, an deren Knoten unzählige Kollegenfreunde die Ecken umfassen an vielseitigen Orten wie dem Künstlerhaus, Altstadtverein,

Gebekum, Wohngemeinschaft (langjährig), Kaosnachfolge, Internet, Museum, Frühstücksbühne, Wikipedia, Familie (zwei Söhne, eine Tochter, reichlich Enkel überwiegend in die ART geschlagen). Und sonst? Vielerlei! Sie kocht schlecht und – wie sie behauptet – ausschließlich Kartoffeln, lässt sich von den Freunden zum 70ten mit realitätsfernen Pornos feiern, mag Viertel-, Halb- und Achteltöne, besonders aber Zwischentöne – wenn sie unbestimmt sind – (aber keine ganzen) verwirft jeden Tag drei Ideen und bringt alle zum Wundern. Gewöhnlich ist, was sie selbst verwundert. Manchmal läuft sie mit Skistöcken durch die Gegend und hat stets die falsche ihrer drei Brillen dabei.

Dies ist kein Nachruf. Dies ist Marianne HEUTE. Morgen ist sie ganz anders. Aber das ist ein anderes Buch.

 

aus: die tralauschen zwerge, digitales buch im menschmedien verlag

 

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